Es braucht mehr als ein „Weiter so"!

Ein Aufbruch in der Bildungspolitik ist nötig

Veränderungen in der Schullandschaft sind ein Gebot der Vernunft. Im Bündnis „Länger gemeinsam Lernen“ setzt sich die GEW NRW für mutige Veränderungen ein. Auf einer heutigen Bündnistagung wird der schwarz-grüne Koalitionsvertrag diskutiert.
Es braucht mehr als ein „Weiter so

Foto: Kasto/Fotolia

Der IQB-Bildungstrend aus dem Oktober 2022 reiht sich ein in die vielen Studien die belegen: Die soziale Ungleichheit im Bildungssystem wird seit Jahren größer und verfestigt sich. Die Bildungschancen hängen immer stärker von der sozialen Herkunft ab und seit Jahrzehnten stellen wir fest: Das gegliederte Schulsystem reproduziert und verstärkt soziale Ungleichheiten. Wenn wir uns bewusst machen, dass unsere Bildungseinrichtungen über Lebenschancen entscheiden, dann muss eins klar sein: Ein "Weiter so" wird nicht genügen.

Unter diesem Eindruck diskutiert am heutigen Donnerstag das Bündnis „Länger gemeinsam Lernen“ die schulpolitischen Implikationen des schwarz-grünen Koalitionsvertrags. Wir als Bildungsgewerkschaft GEW NRW hatten den Koalitionsvertrag bereits in der vorletzten Ausgabe unseres Mitgliedermagazins lautstark. entsprechend kommentiert. Der Koalitionsvertrag, so das Fazit, liefert keine Lösungsvorschläge auf die großen Fragen zur Schulstruktur und des Übergangs am Ende der Grundschulzeit. Diese Fragen stellen sich aber nach der IQB-Studie nun noch einmal mehr mit Macht. Wir brauchen einen Aufbruch in der Schulpolitik.

Zukunftsfragen beantworten


Uns ist bewusst, dass diese Fragen auch in der schwarz-grünen Koalition hoch umstritten sind. Gleichzeitig bleibt keine Zeit zu verlieren. NRW kann es sich nicht leisten, die notwendigen Schritte bis zur nächsten Legislatur und neuen politischen Mehrheiten hinaus zu zögern, im Gegenteil: Die aktuelle Landesregierung muss die grundlegenden Probleme angehen, will sie nicht sehenden Auges zulassen, dass sich die sozialen Gräben weiter vertiefen. Diese Entwicklung wird auch zu einer Zukunftsfrage von Nordrhein-Westfalen.

Denn die Zukunft dieses Bundeslandes entscheidet sich nicht nur an den Fragen, ob genug Energie für die Industrie zur Verfügung steht oder ob der Schritt zum Produktion mit Wasserstoff vollumfänglich gelingt. Sondern auch daran, ob es uns gelingt, Kinder und Jugendliche zu dem bestmöglichen Bildungsabschluss zu bringen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Fachkräfte von Morgen sichern und Aufstieg durch Bildung ermöglichen. Das Morgen lässt sich nur über gute Bildung von heute gestalten. Es ist eine existentielle Frage – aus moralischer, sozialer und wirtschaftlicher Sicht. Wollen wir weiter Nachsorge betreiben und handeln, nachdem sprichwörtlich das Kind „in den Brunnen gefallen ist“, oder sind wir endlich soweit, Vorsorge zu betreiben und dafür zu sorgen, dass Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit herzustellen handlungsleitend sind. Gute Bildung für alle ist unerlässlich für eine funktionierende und solidarische Gesellschaft. 

Schulen des längeren gemeinsamen Lernens stärken


Die Antworten liegen dabei seit Jahren auf dem Tisch. Wir müssen die Schulen des längeren gemeinsamen Lernens stärken, statt nur „treffgenauer“ zu sortieren. Um dem gerecht zu werden, geht der schwarz-grüne Koalitionsvertrag nicht weit genug. Nicht nur das Beispiel Köln macht klar: Wir müssen deutlich in die Plätze, Gebäude und die Fachkräfte für die Schulen des längeren gemeinsamen Lernens investieren. 


Hier zeigt sich wieder das Problem des chronischen Mangels im Bildungssystem. Schon im Landtagswahlkampf haben wir deshalb immer wieder betont: Der Sozialindex muss überarbeitet werden. Wir erwarten, dass nach der Evaluation Reformen stehen, die in einen „echten“ Sozialindex münden, der nicht nur den Mangel verteilt, sondern auch dafür sorgt, dass den Schulen – und damit den Schüler*innen und Lehrkräften – die Mittel zur Verfügung stehen, die sie brauchen. Chancengleichheit als Maxime ist das Gebot der Stunde.


Um Chancengleichheit herzustellen muss die Landesregierung umfassende Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel ergreifen. Gerade Kinder aus armen Verhältnissen sind auf ein System angewiesen, dass sie fördert und unterstützt. Dafür braucht es vor allem genügend gut ausgebildete Fachkräfte, denn gut ausgebildete Fachkräfte, Erzieher*innen und Lehrer*innen und gut ausgestattete Kitas, Schulen und Hochschulen sind die einzige wirkliche Chance für Kinder aus armen Verhältnissen. Individuelle Förderung und kleinere Klassen sind wichtige Stellschrauben für eine höhere Qualität, bessere Rahmenbedingungen und ein Schritt Richtung Chancengleichheit.