Holweide-Erlass bleibt: Freiräume für Gesamtschulen

Interview über das System Holweide und Regelungen für Gesamtschulen in NRW

Ein Erlass für nur zwei Kölner Schulen?! Im Interview mit Schulleiterinnen der Gesamtschule Köln-Holweide klären wir das Kuriosum auf. Die langjährige Schulleiterin Anne Ratzki und die aktuelle Schulleiterin Christa Dohle erläutern das System Holweide und welche Freiheiten sie sich für alle Gesamtschulen wünschen.
Holweide-Erlass bleibt: Freiräume für Gesamtschulen

Foto: Monkey Business/Fotolia

Im Jahr 1984 wurde im Holweide-Erlass die pädagogische Ausrichtung der Gesamtschulen Köln-Holweide und Köln-Höhenhaus gewürdigt. Was sind die Besonderheiten?

Anne Ratzki: Die Gesamtschulen Holweide und Höhenhaus in Köln wurden 1975 gegründet. Sie gehören zur zweiten Generation von Gesamtschulen und konnten schon auf die Erfahrungen der ersten Gesamtschulen aufbauen. Diese wollten allen Kindern gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen ermöglichen, trennten aber in den Hauptfächern Englisch, Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften die Schüler*innen nach Leistung ab der siebten Klasse. Kinder aus bildungsfernen Familien wurden häufiger in die unteren Leistungskurse eingeteilt und verpassten damit den Zugang zur Oberstufe und zum Abitur. Die Kölner Gesamtschulen Holweide und Höhenhaus wollten ohne diese sogenannte Fachleistungsdifferenzierung mit den ganzen, leistungsheterogenen Klassen arbeiten.

In Holweide wurde jede Jahrgangsstufe in Teams aufgeteilt. Zu einem Team gehörten drei Klassen und sechs Lehrkräfte, die vorwiegend in diesen Klassen unterrichteten und eng zusammenarbeiteten. In den Klassen bildeten wiederum fünf bis sechs Schüler*innen mit unterschiedlichen Leistungen eine Tischgruppe, die in allen Fächern zusammen blieb und sich untereinander half, damit alle die Lernziele erreichen konnten. Der Unterricht lief so gut, dass fast alle Eltern ganz auf Fachleistungsdifferenzierung verzichten wollten.

Es gab dann zähe Verhandlungen mit dem Kultusministerium, um das Modell weiterführen zu können. Am Ende durfte in Deutsch und Naturwissenschaften komplett auf die Fachleistungsdifferenzierung verzichtet werden. In Mathematik konnte die Fachleistungsdifferenzierung bis zum Ende der achten Klasse verhindert werden.

Warum brauchte es dann einen Erlass?

Anne Ratzki: Im Schulgesetz des Landes war und ist die Fachleistungsdifferenzierung vorgeschrieben. Der Holweide-Erlass von 1984 genehmigte die Ausnahme für Holweide und Höhenhaus. Im Erlass ist auch die Notengebung in den gemeinsam unterrichteten Fächern und der Übergang in die Oberstufe geregelt.

Was bedeutete die Aufhebung der Fachleistungsdifferenzierung für die Gesamtschulen?

Christa Dohle: Die Schüler*innen können seitdem viel länger gemeinsam lernen und werden in den Fächern Deutsch und Naturwissenschaften gar nicht mehr in Grund- und Erweiterungskurse (G- und E-Kurse) eingeteilt. Im Unterschied zu anderen Gesamtschulen wird in Holweide und Höhenhaus in Mathematik erst ab der neunten Klasse differenziert. Selbst wenn die Schüler*innen zum Teil keine äußere Differenzierung mehr erfahren und in einem Raum unterrichtet werden, macht es nach unserer Erfahrung, einen Unterschied für die Lernmotivation, ob sie einem G- oder E-Kurs zugewiesen sind.

Anne Ratzki: Der Vorteil ist, dass die Schullaufbahn für alle länger offen bleibt, nämlich bis zur zehnten Klasse. Die Einordnung in den G-Kurs kann träge machen und entmutigen. Wenn bessere und schwächere Schüler*innen gemeinsam lernen, haben die schwächeren Vorbilder, können sich ausprobieren und erhalten dieselben anspruchsvollen Angebote. Stärkere werden nicht ausgebremst, sondern gewinnen dadurch, dass sie Schwächeren etwas erklären. Besonders wichtig ist das in der Inklusion: Gemeinsamer Unterricht und die Trennung von Kindern mit Förderbedarf in Fachleistungskurse widersprechen sich. Die Landesregierung hat überlegt, den Holweide-Erlass auslaufen zu lassen. Welche Auswirkungen hätte das auf den schulischen Alltag an der Gesamtschule Holweide gehabt? Christa Dohle: Ich glaube, dass wir einen wesentlichen Baustein unseres pädagogischen Konzeptes verloren hätten. Wir hätten sicherlich gänzlich auf eine äußere Differenzierung in getrennten Räumen verzichtet, aber dennoch hätte die Zuweisung zu Fachleistungskursen bedeutende Auswirkungen auf die Haltung der Lernenden und Lehrenden gehabt.

Wie ist diese Beschränkung von Gesamtschulen in NRW in überregionaler oder internationaler Perspektive zu sehen? Gibt es einen Trend zur Beschneidung der Rechte von Gesamtschulen?

Anne Ratzki: In Nordrhein-Westfalen ist die Beschränkung durch das Schulgesetz besonders stark. Schulen dürfen zwar selbst entscheiden, in welchen Fächern sie die Schüler*innen nach Fachleistung in getrennten Räumen oder gemeinsam unterrichten wollen, aber sie müssen sie auf jeden Fall einteilen und die Kurszuteilung im Zeugnis vermerken. In Berlin ist für die Gemeinschaftsschulen die Fachleistungsdifferenzierung untersagt und auch Baden-Württemberg kennt in den Gemeinschaftsschulen keine festgelegte Fachleistungsdifferenzierung. Schweden hat schon in den 1960er Jahren mit Fachleistungsdifferenzierung experimentiert, mit den gleichen Ergebnissen wie später in Deutschland: Kinder aus bildungsfernen Familien saßen meist in den unteren Leistungskursen. Daraufhin wurde die Fachleistungsdifferenzierung verboten. Auch Norwegen und Finnland kennen sie nicht.

Der Holweide-Erlass soll nach Aussagen des Schulministeriums erhalten bleiben. Trotzdem bleiben die Bedingungen für die meisten Gesamtschulen im Land weiter stark reglementiert. Was wünschen Sie sich für alle Gesamtschulen?

Christa Dohle: Für alle Gesamtschulen wünsche ich mir Freiräume, um neue Konzepte auszuprobieren und Modelle zu entwickeln, die für den jeweiligen schulischen Kontext passend sind. Pilotphasen und Modellversuche sind die besten Möglichkeiten, um Erfahrungen zu sammeln und Schulentwicklung zu betreiben. Außerdem wünsche ich mir natürlich viel mehr Sonderpädagog*innen, insgesamt mehr Lehrpersonal, kleinere Klassen, bessere Räumlichkeiten, die pädagogische Konzepte unterstützen, und Zeit zum Planen und Umsetzen verschiedenster Vorhaben. Wann sollen wir uns endlich auf die enormen Umwälzungen unserer Zeit einstellen? Wie ermitteln wir die Fähigkeiten, die die Schüler*innen in Zukunft brauchen? Wie bereiten wir die Lehrer*innen darauf vor? Wann ändert sich die Lehrer*innenausbildung entsprechend? Ohne fundierte Konzepte kann dies alles nicht funktionieren.

Die Fragen stellte Fabian Kaske.